1976 – Breitensee
Arbeit war nie ein Mittel zum Zweck. Sie war der Grundzustand.
Ich bin in eine Welt hineingewachsen, in der gearbeitet wurde, bevor man morgens
richtig wach war. Nicht aus Ehrgeiz, sondern weil das Leben es so verlangte. Diese
Selbstverständlichkeit habe ich früh übernommen, ohne sie je zu hinterfragen.
Sie hat mich über Jahrzehnte getragen und weit gebracht. Dass genau diese Haltung
irgendwann auch ihren Preis fordern würde, habe ich erst sehr viel später verstanden.
2003 – Der Absturz
Mittagspause auf der Baustelle. Dann kam die Meldung.
Ein einziger Moment, und der Boden war weg. Was danach kam, waren Jahre, in denen es
nicht mehr um Wachstum ging, sondern um das nackte Weitermachen – begleitet von
unbezahlten Forderungen und einer Angst, die einen abends nicht schlafen lässt.
Wie es sich anfühlt, morgens aufzustehen, ohne zu wissen, wie der Tag überstanden werden
soll, lässt sich schwer in Worte fassen. Ich habe in dieser Zeit begriffen, wie dünn die
Sicherheit ist, auf die wir alle bauen.
Diese Zeit hatte nichts Heldenhaftes. Man macht weiter – nicht weil man stark ist,
sondern weil es keinen anderen Weg gibt.
2005 – Der Wiederanfang
Ein Kunde stellte eine Frage. Sie hat alles verändert.
Manchmal hängt eine ganze Zukunft an einem beiläufigen Halbsatz. Bei mir war es die
Frage eines Kunden, auf die ich damals keine Antwort hatte – und die mich nicht
mehr losließ.
Aus einem Versuch wurde ein neues Standbein, aus dem neuen Standbein ein Wachstum,
das ich mir nie ausgemalt hätte. Nicht, weil ich einen genialen Plan gehabt hätte,
sondern weil die richtigen Menschen zur richtigen Zeit an meiner Seite standen.
Diese Firma ist nicht wegen Ideen gewachsen. Sie ist wegen Menschen gewachsen.
Der Gipfel – und die Leere
Alles erreicht. Und plötzlich wusste ich nicht mehr, wofür.
Von außen sah es aus wie das perfekte Ende einer Erfolgsgeschichte: ein Unternehmen
mit hunderten Mitarbeitern, die letzte Schuld getilgt, das Ziel erreicht, für das ich
über zwanzig Jahre gekämpft hatte.
Ich hatte mit Erleichterung gerechnet. Stattdessen kam eine Leere, die ich mir nicht
erklären konnte. Zum ersten Mal stand ich ganz oben – und wusste nicht mehr,
wofür eigentlich.
14. Juni 2025 – Vier Uhr morgens
Ich wachte auf und wusste es einfach.
Die Entscheidung war längst getroffen, bevor ich sie in Worte fasste. An diesem Morgen
setzte ich mich hin und schrieb, was monatelang in mir gereift war: meinen eigenen
Abschied – aus dem Unternehmen, das ich selbst aufgebaut hatte.
Es war kein Bruch aus Trotz, sondern aus Klarheit. Und mein Körper reagierte darauf
schneller, als mein Verstand es begreifen konnte.
Die Kündigung war kein Ende. Sie war eine Befreiung.
Heute
Genau deshalb begleite ich heute andere.
Zwei Dinge habe ich am eigenen Leib gelernt: dass man viel erreichen und sich dabei
verlieren kann – und dass man loslassen und sich dabei wiederfinden kann.
Genau diese Erfahrung bringe ich mit, wenn ich heute mit Unternehmern und Unternehmerinnen an einem Tisch
sitze. Und ich weiß, wie sich jede Station auf diesem Weg anfühlt – die ganz
unten und die ganz oben.
Die ganze Geschichte – von Anfang bis hierher – habe ich aufgeschrieben.